Daten aus Barmbeks Geschichte
- 1271
- Erste urkundliche Erwähnung
- 1355
- Die Grafen von Holstein veräußern das Dorf Barmbek mit allen herrschaftlichen Rechten an das Hamburger Heiligengeisthospital.
- 1529
- Im Zuge der Reformation wird Barmbek - zusammen mit dem Hospital - den Oberalten unterstellt. (Kirchliche Gemeindefunktionäre
könnten wir sie heute nennen.) Das Dorf soll ihnen als Einnahmequelle für die Armenfürsorge dienen. Der mit dem Regiment
der Oberalten begründete Zwitterstatus Barmbeks (hamburgisch und doch nicht hamburgisch) dauert 3 Jahrhunderte an.
- 1830
- Die Hamburger "Landherrenschaft" übernimmt die Verwaltung Barmbeks.
- 1861
- Nach Aufhebung der Hamburger Torsperre beginnt die stärkere Besiedlung und allmähliche Verstädterung Barmbeks.
- 1894
- Barmbek wird ein Hamburger Stadtteil. Es hat zu der Zeit ca. 38.000 Einwohner.
- 1943
- (29./30. Juli) Bei einem der Luftangriffe der "Operation Gomorrha" wird Barmbek schwer getroffen. Die Einwohnerzahl
sinkt von fast 200.000 vor dem Krieg auf weniger als 15.000.
- 50er
- Ende der 50er Jahre: Die Barmbeker Wohngebiete sind weitgehend wiederaufgebaut.

Rekontruktionszeichnung: Barmbek um 1750, vom Norden gesehen
Stadtteilgeschichte kurzgefaßt

Bauer Lembke in den '30ern
Barmbek-Nord, Barmbek-Süd - was ist älter, was jünger? Der Norden hat großenteils sein Gesicht behalten, wie es in den 20er Jahren
geprägt wurde. Das im Krieg Zerstörte ist überwiegend in der alten Form wieder aufgebaut worden. So erscheint der Norden heute als
der ältere (und einheitlichere) Teil. Der Süden nämlich, noch stärker als der Norden zerbombt (hauptsächlich in der Nacht vom 29.
zum 30. Juli '43), ist durch den Wiederaufbau sehr verändert worden. Vor 60 Jahren war er ersichtlich der ältere Teil, dicht bebaut
und dicht bevölkert. Dem Unterschied der Wohnqualität entsprach ein soziales Gefälle; nur der Süden wurde "basch" genannt
(derb, ruppig, keß). So gut wie nichts ist übriggelieben von dem, was damals unter "Alt-Barmbeck" verstanden wurde: die Zeugnisse
der dörflichen Vergangenheit.

Dreckmanscher Hof am Dorfplatz
Bis in die 1860er Jahre war Barmbek ein Dorf. In der Nähe des Marktes lagen die Bauernhöfe, ringsum erstreckte sich die Feldmark,
etwa in den heutigen Grenzen (Dulsberg eingeschlossen). Nennenswerte Bebauung gab es nur entlang der heutigen
Hamburger Straße. - 1271 ist Barmbek erstmals urkundlich erwähnt worden. Seit 1355 gehörte es als Besitztum des
Heiligengeisthospitals indirekt zum Hamburger Territorium. Später wurde es jahrhundertelang von den Oberalten (ursprünglich
'Kirchenfunktionären') regiert. Erst 1830 wurde es der Hamburger Verwaltung unterstellt und 1894 eingemeindet.
In den 1870er Jahren begann von Süden her die Verstädterung. Nach einem Menschenleben war sie über Barmbek hinweggegangen.
Einige Einwohnerzahlen mögen die Beschleunigung demonstrieren: 1867 ca. 6.000, 1880 ca. 22.000, 1900 ca. 48.000 und vor dem
Ersten Weltkrieg über 100.000. Barmbek war 'Großstadt' geworden. Aber Barmbek-Nord und Dulsberg waren auch nach dem Ersten
Weltkrieg noch 'Erwartungsland'. Vergleicht man die heutige Einwohnerzahl von nicht einmal 90.000 mit den beinah 200.000 vor dem
Zweiten Weltkrieg, so wird klar, wieviel 'geräumiger' das Wohnen heute ist. (Dulsberg ist beidemal mitgerechnet. Im übrigen lassen wir
diesen dritten Ortsteil hier beiseite, vor allem deshalb, weil er sich im Gefühl und Bewußtsein der meisten Bewohner nach dem Krieg
allmählich von Barmbek gelöst zu haben scheint.)

Straßenbahn in der Fuhlsbüttler Straße
Ecke Alte Wöhr
Verstädterung bedeutete auch Verkehrsanbindung an Hamburg. Das erste öffentliche Nahverkehrsmittel war ab 1841 der
Pferdeomnibus (Endstation Markt). Er wurde 1867 durch die Pferdeeisenbahn ersetzt (Endstation hinter der Bramfelder Brücke).
Ihr folgte 1895 die "Elektrische", die gleich bis Ohlsdorf fuhr. 1906 wurde die erste S-Bahnstrecke von Blankenese über Barmbek
nach Ohlsdorf in Betrieb genommen und 1912 der Hochbahnring. Außerdem kamen etliche Straßenbahnlinien hinzu. Gute Bedingungen
also? Nur für die, die sie nutzen konnten! Bis in die Zwischenkriegszeit war es gang und gäbe, weite Wege zu Fuß zurückzulegen.
Viele, die in Barmbek wohnten und in der Stadt arbeiteten, konnten sich tägliche Bahnfahrten nicht leisten. Immerhin hatte 1910 z. B.
mehr als die Hälfte der
werktätigen Bewohner ihren Arbeitsplatz in Barmbek. (1910 war die "New-York Hamburger" mit ihren 1.100 Beschäftigten der größte
Arbeitgeber im Stadtteil.)

Biergarten des Versammlungslokals Lohkoppelstraße
Schon um die Jahrhundertwende hatte Barmbek den Charakter eines Arbeiterwohnquartiers. Unter den Stadtteilen des damals noch
kleinen Hamburg rangierten Barmbek, Horn und das heutige Rothenburgsort hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens am Ende.
Bei den Reichstagswahlergebnissen der SPD dagegen lag Barmbek mit an der Spitze. Barmbeks SPD war eine beachtliche
Größe innerhalb der Hamburger SPD, so wie die Hamburger in der Gesamtpartei. Zahlenmäßig! Wie es um die politische Stärke
der "hanseatischen" SPD stand, war eine Frage für sich.
Der Riss, der die Arbeiterbewegung seit 1918 schwächte, ging auch durch Barmbek hindurch. Auch durch manche Familien.
Der kommunistische Aufstand 1923, dessen Hauptschauplatz Barmbek war, wurde unter sozialdemokratischer Führung
niedergeschlagen. Gleichwohl bestand in Barmbek - mehr in Süd als in Nord - bis '33 ein linkes Milieu, eine Gemeinsamkeit,
die weniger auf der Nachbarschaft als auf der Organisationszugehörigkeit beruhte, die kaum mit "Filz", aber durchaus noch mit
Klassenbewusstsein zu tun hatte. (Das Organisationsgeflecht reichte von Partei und Gewerkschaft über Arbeitersport, AWO, SAJ
bis hin zu Nebenästen wie etwa den Arbeiterabstinenzlern.)
Bei der letzten Reichstagswahl im März '33 erzielten SPD und KPD zusammen in Barmbek noch über 50% der Stimmen. Auch in
Barmbek gab es, wenigstens in den ersten Jahren, von beiden Seiten Widerstandsaktivitäten. Inwieweit Mitgliedschaft und
Anhang innerlich resistent gegen das Regime blieben, ist schwer abzuschätzen. Streiflichter: bei den sogenannten Wahlen '36
im Bezirk um den PRO-Block am Schleidenpark 26,7% Nein-Stimmen (außerordentlich) - nur ein einziger uns aus Barmbek
bekannter Fall eines jüdischen Menschen, der im Versteck vor der Deportation bewahrt wurde (die Mutter des Autors Ralph Giordano).

Nach dem Krieg zwischen Wohldorfer und Von-Essen-Straße
Obwohl vor allem Wohnquartier, war Barmbek doch auch als Industriestandort nicht unbedeutend. Die Betriebe konzentrierten
sich um den Osterbekkanal. Um nur drei Beispiele herauszugreifen: die Hartgummifabrik "New-York Hamburger" an der
Maurienstraße (1873), das Gaswerk an der Osterbekstraße (1876), die Müllverbrennung am Alten Teichweg (1912).
Der Hauptabschnitt des Kanals, der Nord und Süd trennt, ist 1901/2 angelegt worden. Bis in die 50er Jahre war er
ein wichtiger Transportweg. Doch schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Industrieabwanderung begonnen. Werke,
die einst von 'grüner Wiese' umgeben waren, waren nun von Wohnhäusern umgeben: eine unverträgliche Nachbarschaft.
Heute gibt es nur noch einen einzigen Industriebetrieb am Osterbekkanal: die kleine Zahnradfabrik Max Rentsch am Alten Teichweg.
Ansonsten haben Büros, Wohnen, kulturelle Nutzung und Grün den Platz eingenommen.
Anders als der Süden ist Barmbek-Nord gründlich geplant gewesen, und zwar als reine Wohnstadt. Es wuchs in nur 5-6 Jahren,
als 1925 nach überstandener Inflation der Wohnungsbau mit staatlichen Fördermitteln wieder in Gang gebracht worden war.
Sein Erscheinungsbild wurde maßgeblich durch Fritz Schumacher bestimmt, von 1923 bis 33 Oberbaudirektor in Hamburg
(seit 1909 Hochbauchef). Er schuf die Voraussetzungen für weitere Grünzüge und den Bau des neuen Wohnblocktypus:
nur der Blockrand wurde noch bebaut, es entstanden (vergleichsweise) geräumige Innenhöfe; Hinterhäuser und Lichtschächte
gab es nicht mehr.

Wohnanlage in der Hochbahnschleife
Bauherren waren in der Regel Gesellschaften und Genossenschaften (etwa zur Hälfte "Gemeinnützige"). Sie bauten nicht einzelne
Häuser, sondern ganze Blocks, was die einheitliche Gestaltung natürlich erleichterte. Zur einheitlichen Gesamtwirkung trägt wesentlich
die Backsteinhaut bei, die insbesondere auch die "Modernität" der Architektur "dämpft", wie Schumacher sagte.
Die wenige Industrie in Barmbek-Nord übrigens - wie Ortmann & Herbst, Margarine-Voß, die Ichthyolfabrik am Suhrsweg - stammte
aus der Vorkriegszeit.

Hamburger Straße vor der Zerbombung: links Toedt, rechts Karstadt
1931 versiegten der Wirtschaftskrise wegen die Fördermittel. Das politische Ziel hatte die Förderung nicht erreicht: Wohnraum für die
unteren Schichten zu schaffen. Die 'Kostenmieten' waren zu hoch. Aber die pauschale Behauptung, das Ziel sei in Hamburg gänzlich
verfehlt worden, muß in Hinblick auf Barmbek-Nord korrigiert werden. Es gab eben auch Blocks, in denen die Mieten erschwinglicher
waren (weil mehr an Größe und Ausstattung gespart worden war), Blocks, in denen auch schlechtergestellte Mieter wohnten. Kurz:
innerhalb Barmbek-Nords waren Unterschiede vorhanden, nicht zu vernachlässigende Unterschiede.
Die neuen Herren ermöglichten nach '33 wieder Wohnungsbau (in bescheidenem Umfang auch in Barmbek, z. B. an Lorichs-/ oder Speckter-Straße).
Dann fingen sie den Krieg an, forderten die Zertrümmerung heraus. - Was bei Kriegsende
wohl kaum ein Stadtteilbewohner erwartet hätte: 1960 war der Wiederaufbau der Wohnquartiere in Barmbek fast vollendet.
Daß Quantität bisweilen vor Qualität - architektonisch und städtebaulich - ging, ist nicht verwunderlich. Selten entstanden in sich
geschlossene kleine Quartiere wie das in der Hochbahnschleife (Rübenkamp / Hufnerstraße), mit drei Hochhäusern, in parkartiges
Grün eingebettet; oder wie das zwischen Einkaufszentrum und Beethovenstraße, mit einfallslosen Zeilenbauten, aber auflockernden
schmalen Grünzügen.
Wie wäre der Aufbau bis heute zu resümieren? Begnügen wir uns mit ein paar subjektiven Teilbetrachtungen. Manches mutet heute
wenig planvoll, fast wie improvisiert an.

Fuhlsbüttler Straße vor der Zerbombung
Links Ecke Drosselstraße
So z. B. die Bebauung der Hamburger Straße. Vor dem Krieg war sie eine belebte
Geschäfts- und Einkaufsstraße. Heute dagegen: draußen der Verkehrsstrom, drinnen (im EKZ) die schöne
Konsumwelt; draußen Ödnis, drinnen Glamour. Was "die Hamburger" war, ist nun in gewissem Grade die Fuhlsbüttler Straße
(wenn auch seit den 80ern 'kränkelnd').

Habichtsplatz: untergegangen im Ring 2
Der autogerechte Straßenausbau hat auch Barmbek Wunden geschlagen. Ein Beispiel: der Ring 2 mit dem untergegangenen
Habichtsplatz. Immerhin, die Autobahn ist dem Stadtteil erspart geblieben; der Osterbekkanal, heute einer der Vorzüge Barmbeks,
ist nicht zubetoniert worden.
Die einstigen Bewohner kehrten nach 1943/45 nur zum geringeren Teil ins Viertel zurück. Viele alte Nachbarschaften waren verloren.
Das linke Milieu hatte KZ-Herrschaft, Krieg und Wirtschaftswunder nicht überlebt. Sein Fehlen trug, wie auch das Kinosterben
in den 60er Jahren, zur kulturellen Verarmung Barmbeks bei. Neben dem Volksheim Marschnerstraße, dem Ernst-Deutsch-Theater
(vorher "Junges Theater"), dem Jugendhaus Flachsland, dem Theatersaal der Bugenhagenkirche, der Bücherhalle zählten die
Fürstenhof-Diskothek und das Ballhaus Barmbek (vorher Cafe König) zu den wenigen Lichtblicken.

Neubauten am Flachsland (1995/96), Frant am Kanal
Die Backstein-Wohnstadt hatte gegenüber den 20er Jahren an Attraktivität verloren. Die in den 70ern erwachende nostalgische
Vorliebe für Bauten aus Wilhelminischer Zeit fand in Barmbek auch wenig Befriedigung. Lange galt der Stadtteil als eher gesichtslos
und langweilig.
Das soziale Nord-Süd-Gefälle stellte sich nach dem Kriege nicht wieder her; es hat sich eher umgekehrt. Zwei, drei Jahrzehnte war
die soziale Struktur wohl relativ stabil. Seit längerem schichtet sich die Bevölkerung um. Teils äußert sich darin eine Art Generationswechsel.
Eine gewisse Rolle spielt sicher auch der Zuschnitt der Wohnungen, die vielfach bei gestiegenen Raumansprüchen für Familien
zu klein sind - was einseitige Entwicklungen begünstigt.

Am Flachsland 1901: Foto vom Kanalbau,
aufgenommen hinter einer Villa
In den 80er Jahren belebte sich Barmbek. Initiativen traten auf den Plan, sozio- und stadtteilkulturelle Einrichtungen gründeten sich,
das Museum der Arbeit siedelte sich auf dem ehemaligen Gelände der Gummifabrik an. In den 80er und 90er Jahren wurde eine
Reihe vergleichweise ansehnlicher Wohn- und Gewerbebauten errichtet, die den Stadtteil aufwerten: Lückenschließungen oder
ganze Komplexe, namentlich auf früheren Werksgeländen wie dem Tesdorpschen (Über die Planungsaltlast "Alstercity" würden wir
gern hinwegsehen, wenn ihre Größe es zuließe.). Signalisieren die Neubauten, daß es aufwärts geht mit Barmbek? Oder sind sie nur
eine Schauseite? Oder zerfällt Barmbek, wie die Stadt, in heterogene Teile? "Unter der Oberfläche brodelt es, war ein Bericht des
Barmeker Wochenblatts vom 13. 10. 99 betitelt, in dem es um die mißlichen Lebensbedingungen einer immer größeren Zahl von Kindern
und Jugendlichen in Barmbek-Nord ging.